Wie ich geworden bin was ich heute bin

Warum also Coaching? Warum bin ich nicht in dem gut bezahlten Job mit glänzenden Aufstiegsaussichten in einem internationalen Konzern geblieben?
Ich langweile mich. Sehr schnell. Vor allem wenn etwas nicht in die Tiefe geht.
Vorhersagbare Wege, berechenbare Geschäftsmodelle und taktisches Strippenziehen auf der politischen Unternehmensbühne, nur um den eigenen Einfluß, oder den des Chefs zu stärken, ist nichts was mich wach und lebendig fühlen läßt.
Es machte keinen Sinn mehr, trotzdem weiter zu machen.
Also bin ich gegangen.

Mein brennendes Interesse für persönliche Entwicklung (im eigentlichen Wortsinn von „etwas das sich auswickelt“), für spirituelle Tauchgänge und die Wahrheit unter der Oberfläche hatte schon sieben Jahre früher begonnen.
Damals hatte ich nur knapp einen emotionalen Wirbelsturm am Ende einer langen Beziehung überlebt, der mich an einen Punkt brachte, an dem ich eine Entscheidung treffen musste: entweder werde ich zu einer verbitterten, Männer-hassenden Frau Anfang 30, oder ich finde jemanden der mir hilft einen anderen Umgang mit allem was passiert ist zu finden.

Und das habe ich: ich hab über eine längere Zeit mit einer Therapeutin gearbeitet. Was mir damals nicht bewußt war: sie hat mit mir keine Therapie gemacht, sondern mich gecoacht. Im eigentlichen Sinne dessen was Coaching bedeutet: während ich erzählte und redete und mich selbst bemitleidete in unseren Sitzungen, darüber jammerte wie die Dinge waren und wie ungerecht es doch war, daß ich gar nichts tun konnte und damit meistens 48 unserer 50 Minuten einnahm, hat sie meist nur eine, manchmal auch zwei Fragen gestellt. Und sehr oft war die Frage etwas wie: sind Sie sicher, daß die Dinge so sind? Wäre es möglich, daß es ganz anders wäre? Wie könnte es jenseits davon aussehen?

BÄM! Was dann passierte und sich meist über die komplette nächste Woche bis zum nächsten Termin hinzog, erschien mir damals wie ein Wunder: meine gesamte innere Welt, alles wo ich mir so sicher war wie es zusammen hing und warum und daß es nur so und keinesfalls anders sein könnte – das alles viel komplett auseinander. Brach zusammen. Es fühlte sich jedes Mal an als würden reihenweise riesige Backsteinmauern einstürzen die ich vorher nie überhaupt auf die Idee gekommen war sie in Frage zu stellen.

Ein umfassendes Auseinanderfallen dessen was meine innere Struktur ausgemacht hatte und was meine Welt zusammen gehalten hatte.
Ich kann mich erinnern wie ich an einem bestimmten Punkt das Gefühl hatte, auf einem riesigen Haufen Ziegeln zu sitzen und wie mir dort plötzlich klar wurde: jetzt – erst jetzt! hab ich die Chance meine innere Welt selbst und ganz neu aufzubauen. Aber dieses Mal genau so wie ich sie haben will. Und wie sie mir am besten dient und gut tut.

Was für eine Befreiung! NICHTS war vorbestimmt!
Ich durfte entscheiden, was ich in Zukunft glauben wollte und wie ich die Welt um mich rum und ihre Bewohner sehen wollte, inklusive derjenigen die mich verletzen oder nicht wollen. Und das tat ich.
Ohne immer und immer und immer wieder genau diese Wahl zu treffen, bis heute!, würde ein Teil meiner Welt unbewohnt, unbelebt bleiben. Sie würde wieder abhängig werden von den Strömungen um mich herum und mich wieder das tun lassen was andere für richtig empfinden oder was die Gesellschaft von mir erwartet.War’s das? Hat mich das endgültig und ein für allemal befreit von allen Verstrickungen und unbewältigten Themen?
Im Gegenteil: es war erst der Anfang.

An diesem Punkt realisierte ich zwei Dinge: erstens, das „Zeug“ ist ansteckend! Ich konnte einfach nicht aufhören weiter zu buddeln, zu erkunden, aufzudecken und in bisher unbekannte Bereiche und verborgene Schichten meines Innenlebens vorzudringen.
Was ich fand war so organisch: es bewegte sich ständig und formte sich neu und wieder neu, trotz der Strukturen und innewohnenden Gesetzmäßigkeiten die ich nach und nach entdeckte. Es war das faszinierendste was ich bis dahin begegnet bin. Und ist es bis heute (obwohl seither noch einiges Neues dazu gekommen ist).

Zweitens wurde mir bewußt, daß ich, ohne es überhaupt richtig zu bemerken, angefangen hatte alle meine Freunde dieselbe Art Fragen zu stellen die mein Coach genutzt hatte, wenn sie in Problemen fest steckten und irgendwas nicht so lief wie sie es wollten.
Gleichzeitig fand ich heraus, daß ich überhaupt keine Schwierigkeiten hatte wahrzunehmen was bei ihnen innen los war, auch auf den tieferen Ebenen von denen sie selbst oft noch nichts wussten. Dann wurde mir bewußt, daß ich intuitiv wusste und spüren konnte wie genau ich vorgehen musste, damit sie selbst diese tiefen Ebenen auch wahrnehmen konnten und wie ich ihnen die Sicherheit geben konnte, sich auf dieses Abenteuer einzulassen mit mir.

Ich erinnere mich, als ich die ersten Male ihren Gesichtsausdruck sah wenn sich völlig unerwartet etwas in ihnen verändert hatte. Wie ihre Augen plötzlich anfingen wieder zu leuchten und wie sie im ganzen begannen zu strahlen als sie entdeckt haben, daß sie kein Opfer der Umstände und der Dinge die sie erlebt hatten bleiben mussten, sondern daß sie entscheiden konnten wie sie damit umgehen wollten – egal welche Scheiße das Leben ihnen serviert hatte. Und daß, nur weil etwas weh tut, es nicht bedeutet, daß sie keinen Einfluß mehr darauf haben wie sie sich am Ende fühlen würden.Damals wurde für mich klar: DAS will ich irgendwann mal beruflich machen!

Was ich nicht wusste: die Chance zu diesem „irgendwann“ kam schneller als ich gedacht hätte.Und heute – wo stehe ich heute?
Ich bin immer noch am erkunden. Jeden Tag. Es gibt immer neues Terrain, Ebenen und Tiefen die ich noch nicht kenne. Bei mir und bei anderen. Facetten die ich so noch nie erlebt, noch nie gefühlt habe.
Über die Jahre hinweg, nachdem ich eine große Bandbreite an Techniken und Methoden ausprobiert und einige davon auch studiert habe sind einige wenige übrig geblieben die meine Vorgehensweise solide unterstützen ohne sie in ein enges Korsett einzuzwängen und die mir zum Teil völlig neue Wahrnehmungsmöglichkeiten eröffnet haben.

Und ich habe eine Schule und Techniken gefunden in der ich mich so „angekommen“ fühle wie bis dahin noch nie. Sie und die Menschen und Schüler dort verkörpern genau das was ich schon die ganze Zeit gelebt habe ohne es zu wissen und in das ich auch in Zukunft immer noch tiefer eintauchen werde.Bin ich jetzt „fertig“? Hab ich mein Ziel erreicht?
Ha! Tatsächlich hab ich immer noch das Gefühl, daß es gerade erst so richtig los geht!

Und wenn ich das Gefühl hätte am Ende des Wegs angekommen zu sein wäre das nicht vielmehr ein Zeichen dafür, irgendwo komplett in die Irre gelaufen zu sein? Nicht weil man sich nicht mit dem Ist-Zustand zufrieden und im Frieden fühlen darf, sondern weil es nie um „fertig sein“ und „alles können und wissen“ geht. Es geht darum daß wir uns ausweiten, expandieren, herausfinden wer und was wir alles noch sind.
Darum lebendiger zu sein. Wacher. Weiter. Wahrer. Näher an unserer inneren Wahrheit.
Und wer wollte schon, daß DAS jemals endet?!

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