Nix wie weg! Fluchtverhalten in Beziehungen

Kennst Du Menschen, die sich in Beziehungen (Paar-Beziehungen, Freundschaften, engen beruflichen Beziehungen) immer wieder so verhalten, als wollten sie nichts als „weg“?
Und das nicht etwa nach einem heftigen Streit, einer Grundsatzdiskussion bei der klar wurde, wie unvereinbar die beiden Positionen sind oder weil es schon länger irgendwie nicht mehr so richtig rund lief.
Es gibt Menschen, die wollen immer dann „weg“, wenn es gerade so richtig schön ist in einer Beziehung, wenn alles prima läuft, man ein bestimmtes Ziel gemeinsam erreicht hat oder eine schwierige Situation zusammen gemeistert hat – kurz wenn man eigentlich erwarten würde, daß alle Beteiligten so richtig froh sind, wie angenehm und schön es gerade ist.

Wie äußert sich dieses „Weg-Wollen“? Das kann so zum Ausdruck kommen, daß derjenige sich innerlich zurück zieht und auch wenn er oder sie anwesend ist doch nicht wirklich präsent und „fühlbar“ ist. Der eine „flüchtet“ indem er sich geistig und emotional sozusagen „weg beamt“, in eine andere Welt versetzt oder an einen anderen Ort, der andere flüchtet nach innen indem er sich und seine Präsenz in einen inneren Raum zurück zieht, zu dem kein anderer Zugang hat bzw. von dem er jeden anderen aussperrt.
Das Weg-Wollen kann sich auch so ausdrücken, daß die Person körperlich immer mehr auf Abstand geht, zum einen wenn man gemeinsam in einem Raum ist, aber auch indem sie immer mehr Gründe findet, nicht gemeinsam in einem Raum zu sein: ob das nun Arbeit ist, familiäre Verpflichtungen, gesundheitliche Probleme, notleidende Freunde um die man sich dringend kümmern muß oder einfach andere Themen die gerade viel wichtiger sind und möglichst ungeteilte Aufmerksamkeit erfordern.
Egal wie sich das „Flüchten“ ausdrückt, es handelt sich immer um einen meist unbewußten Schutzmechanismus, der normalerweise dann ausgelöst wird, wenn eine Situation sehr bedrohlich wirkt oder eingeschätzt wird und die Person keinen anderen Umgang mit dieser Situation findet.
Aber warum gibt es dann Menschen, die genau immer dann flüchten, wenn es gerade besonders schön ist?

Die meisten von uns haben schon einmal eine Situation erlebt, die so überwältigend war, daß sie vor lauter Glück das Gefühl hatten, das alles gar nicht mehr aushalten zu können.
Bei manchen Menschen setzt dieses Gefühl aber schon viel früher ein, bei viel „normaleren“ Glückszuständen.
Wir alle halten die inneren und äußeren Zustände am besten aus, bzw. verspüren am wenigsten Angst darin, die wir am besten kennen weil wir sie am häufigsten schon erlebt haben – wir haben uns daran gewöhnt und wissen, daß wir damit zurecht kommen. Das kann sogar in extremen Fällen so weit gehen, daß wir uns in eigentlich gefährlichen Situationen „wohl“ fühlen, weil wir sie eben kennen und einschätzen können und wissen, wie sie „funktionieren“.
Bezogen auf die Menschen, die einfach nur weg wollen wenn es zu schön ist bedeutet das, daß sie wahrscheinlich entweder wenig erfahren sind im Umgang mit solchen harmonischen, schönen Erlebnissen und diese große Unsicherheit, Unbehaglichkeit und Angst davor auslösen, wie sie damit umgehen sollen. Oder sie haben irgendwann eine große Angst davor erworben, daß diese Situation zu bald enden könnte und dies für sie unaushalbar großen Schmerz bedeuten würde und sie versuchen sich vor diesem Schmerz, der Unsicherheit, der Angst zu schützen, indem sie flüchten, sobald es „gefährlich schön“ wird.

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Vielleicht fragst Du Dich jetzt, wie man am besten damit umgeht, wenn ein Mensch der einem wichtig ist „flüchtet“ – egal ob vor einer zu schönen Erfahrung, oder nach eine Auseinandersetzung.

Zuerst einmal geht es darum wahrzunehmen, wie es Dir mit dem Verhalten, dem Flüchten, des anderen geht: Macht es Dich wütend? oder traurig? bist Du verletzt? hast Du Angst, etwas falsch gemacht zu haben? oder fühlst Du Dich im Stich gelassen? willst Du den anderen zur Rede stellen? oder Dich am liebsten verkriechen?

Genau wie das Verhalten der anderen Person etwas darüber aussagt, was sie geprägt hat, gibt Deine Reaktion darauf Auskunft darüber, welche Themen bei Dir angetriggert werden.
Das bedeutet übrigens nicht, daß die „gesunde“ Reaktion wäre, gar nicht zu reagieren! Wir können nicht nicht reagieren!!

Neben der Wahrnehmung, welche Impulse das Verhalten des anderen bei einem selbst auslöst wird man sich früher oder später auch die Frage stellen, wie man tatsächlich gegenüber dem anderen reagieren will – und soll.
Auch da gibt es wieder eine Reihe von „beliebten“ Möglichkeiten: z.B. die Sache komplett ignorieren und vorgeben man hätte gar nichts bemerkt, es sei quasi „normal“. Oder dem anderen signalisieren, es gehe einem gut mit seinem Verhalten, ihm gegenüber so tun, als würde einen das ganze gar nichts ausmachen. Oder man kann ihn zur Rede stellen, mit seinem Verhalten konfrontieren, in einem vorwurfsvollen Ton, oder wütend, oder leidend. Oder man kann seinerseits flüchten, sich innerlich oder im Außen einen Fluchtpunkt suchen um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.

Ich bin, wie fast immer im Leben, der Überzeugung, daß es nicht „das eine richtige Verhalten“ im Umgang mit einer solchen Situation gibt.

Aber welches Verhalten sinnvoll ist und welches weniger, hängt auch davon ab, was wir erreichen wollen: wollen wir den anderen spüren lassen, wie es uns mit seinem Verhalten geht, am besten recht deutlich? oder wollen wir es ihm mitteilen, was das Ganze mit uns so anstellt? und was erwarten wir von ihm? Reue? Entschuldigungen? Wiedergutmachung? daß er sich schlecht fühlt?
Oder geht es uns vielmehr darum ihm möglichst ohne Schuldzuweisung und Vorwürfe mitzuteilen, wie es sich für uns anfühlt, Teil der Situation zu sein? Und suchen wir vielleicht eine Möglichkeit, wieder aufeinander zuzugehen, statt die jeweilige Haltung noch zu verstärken und die Gräben zu vergrößern?
Ist es uns wichtig, uns selbst nicht verletzlich zu zeigen und eine „starke Position“ einzunehmen? oder trauen wir uns zu, unsere Verletztheit in der Situation einzugestehen, offen mitzuteilen wie es in uns aussieht und wie es uns damit geht?

Und was brauchen wir – was brauchen Sie – um den Mut aufzubringen, uns verletztlich zu zeigen und offen zu bleiben angesichts der Angst nicht aufgefangen, sondern im Gegenteil damit vielleicht allein gelassen zu werden?

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