Bin ich liebenswert so wie ich bin?
Der Affentanz zwischen Taktik und Authentizität in Beziehungen

Geht Dir das auch so: eigentlich wollen wir alle genau so geliebt werden von den Menschen die uns am Herzen liegen, wie wir sind. Mit all unseren Macken, guten und nicht ganz so guten Eigenschaften, mit unseren Ängsten und seltsamen Verhaltensweisen.
Und jetzt kommt das große ABER: wenn das so einfach wäre, sich so wie man ist für rundum liebenswert zu halten, dann hätten viele von uns ein Problem weniger – und ich und meine Kollegen/innen weniger Kundschaft!

Wie ist das also genau – warum trauen wir uns so oft nicht, wirklich wir selbst zu sein, vor allem dann nicht, wenn uns ein Mensch besonders wichtig ist – egal ob es ein neuer Chef ist, ein neuer Lebenspartner oder die zukünftige Schwiegermutter?

two women, female

Wenn wir noch jung sind, dann strotzen wir häufig nur so vor Selbstbewußtsein und unserem Selbstwertgefühl geht es prächtig. Aber irgendwann, in der früheren oder späteren Kindheit oder vielleicht auch erst im jungen Erwachsenenalter treffen wir auf Menschen die uns wichtig sind, uns aber im Gegenzug ablehnen, z.B. weil wir nicht dazu passen, zu dumm oder zu klug sind, zu dick oder zu dünn, zu hübsch oder zu häßlich. Oft erfahren wir auch gar nicht, warum wir abgelehnt werden und unser Geist beginnt ganz automatisch und meist auch unbemerkt, sich selbst einen Reim auf die Geschichte zu machen. Das könnte sich dann so anhören:

Er hat bisher nur Mädchen mit langen dunklen Haaren nett gefunden, wahrscheinlich mag er mich nicht, weil ich kurze Haare habe. oder blonde.
Oder: die anderen Kinder in ihrem Freundeskreis machen alle mindestens einen Sport und trainieren richtig viel dafür, wahrscheinlich mag sie mich nicht, weil ich ein bisschen faul bin.
Oder: der Lehrer nimmt fast immer die braven Schüler und Schülerinnen dran, wahrscheinlich übersieht er mich, weil ich immer so viel Quatsch mache und ein bisschen laut bin und er das nicht mag.
Auf diese Weise bildet sich, von uns meist ganz unbemerkt, eine Überzeugung heraus, daß wir vielleicht nicht „richtig“ sind, nicht passen, keine Chance haben dazu zu gehören und in eine Gruppe aufgenommen zu werden so wie wir sind.

Und einige Jahre später hören sich die Gedanken dann vielleicht so an:
Die anderen Kollegen in der neuen Abteilung sind alle viel älter und erfahrener, ob ich da überhaupt eine Chance habe, weil ich gerade erst mit dem Studium fertig bin?
Oder: eigentlich würde ich ihm so gerne erzählen, was ich heute Tolles erlebt habe, aber vielleicht findet er mich dann zu aufdringlich und will mich am Ende gar nicht mehr treffen? Soll ich mich dann lieber doch nicht melden?
Oder: sie hat neulich so komisch die Nase gerümpft, als ein anderer Mann ein bisschen nachlässig angezogen war. Eigentlich wäre mir ja heute auch mehr nach dem Bequem-Look, aber ich glaube ich mach mich lieber schick, nicht daß ich sonst unten durch bin bei ihr.
Oder, oder, oder…….

Aber warum gibt es Situationen, in denen wir uns ganz selbstverständlich so verhalten, wie wir sind und überhaupt keine Gedanken machen, wie das auf die anderen wirken könnte, während wir in anderen Situationen so unsicher werden, ob wir wirklich authentisch sein sollen oder uns doch lieber so verhalten, wie wir denken daß der oder die anderen uns mögen?

Immer dann, wenn wir uns in „sicheren Gefilden“ aufhalten, z.B. mit guten Freunden unterwegs sind, in der Familie oder unter langjährigen Kollegen mit denen wir uns sehr wohl fühlen, haben wir keine Angst uns so zu zeigen wie wir wirklich sind, authentisch zu sein, weil wir bereits wissen, daß es dort ok ist und wir nicht verstoßen werden, nur weil wir manchmal ein bisschen komisch sind.
Und auch dann, wenn wir mit Personen zusammen sind, die uns nicht besonders wichtig sind, weil wir nicht auf sie angewiesen sind bzw. ihnen nicht unbedingt gefallen wollen, auch dann fällt es uns meist nicht so schwer echt und authentisch zu sein, weil der Preis wenn uns dann jemand nicht mehr mag nicht sehr hoch ist, wir also nichts riskieren.

Aber immer dann, wenn wir in einem Umfeld bzw. mit Personen zu tun haben die uns wichtig sind, deren Loyalität aber noch nicht gesichert ist bzw. deren Zustimmung zu unserem Verhalten uns noch nicht sicher ist, immer dann fangen wir plötzlich an abzuwägen, ob es nicht vielleicht doch besser wäre, etwas weniger wir selbst zu sein und dafür ein Verhalten zu zeigen, von dem wir ausgehen, daß es gefälliger wäre und beim anderen weniger anecken könnte.
Die Schwierigkeit ist, daß wir gar nicht genau wissen, welches Verhalten der andere nun gut finden würde, und welches nicht, denn wir kennen ihn ja noch gar nicht so genau und es könnte passieren, daß wir unsere laute Stimme extra unterdrücken um nicht unangenehm aufzufallen ohne zu ahnen, daß das Gegenüber denkt „nicht schon wieder so ein Mäuschen, das ist ja soo langweilig!“.
Und selbst wenn wir wissen, daß er tatsächlich laute Stimmen und lautes Lachen furchtbar findet, wollen wir uns dann wirklich die nächsten Tage, Wochen, Monate und Jahre verstellen, aus Angst nicht gemocht zu werden wie wir sind?

Das Bedürfnis geliebt zu werden, in eine Gruppe die uns etwas bedeutet aufgenommen zu werden und anerkannt zu werden ist für jeden von uns elementar, und deshalb laufen wir immer wieder Gefahr, uns genau das „erkaufen“ zu wollen indem wir uns anders zeigen als wir wirklich sind.
Aber eine Frage stellen wir uns dabei meist nicht: wollen wir wirklich von Menschen geliebt werden, in eine Gruppe aufgenommen und anerkannt werden für etwas, das gar nicht wir sind?
Wollen wir wirklich das unbewußte Gefühl verstärken, nicht liebenswert zu sein so wie wir sind, indem wir uns anpassen und so werden wie uns die anderen vermeintlich haben wollen? Und wer wird dann überhaupt geliebt – wir oder nur ein Trugbild das eigentlich gar nicht existiert?

Oder ist es nicht vielmehr so, daß die Menschen (Freunde, Beziehungspartner, Chefs, Kollegen) die wirklich zu uns passen uns auch genau so haben wollen wie wir sind, und nicht verstellt und angepaßt und unecht?

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